Digitale Spiegelreflexkamera, Canon 80D

Warum ich meine Canon verkaufe…

Wie jetzt? Du hast doch gerade angefangen!

Absolut korrekt! Und direkt schon die Nase voll! Ist allerdings halb so wild, dafür doppelt so teuer!
Ich habe endlich mein persönliches Traumsystem gefunden! Warnung! Der folgende Text ist etwas länger geworden.

Ich sehe Deinen Gedanken praktisch vor mir lieber Leser. Vermutlich eine Mischung aus: „Du brennst doch!“ und „Der Fotograf macht das Bild!“. Beides ist absolut korrekt. Allerdings schwören Handwerker nicht ohne Grund auf „das richtige“ Werkzeug und auch der Künstler achtet darauf, dass Pinsel und Farben Qualität haben.
Meine Ausrüstung ist einzeln betrachtet ganz in Ordnung, aber in Summe leider stark ausbaufähig. Dazu kam folgende Geschichte…

Die Canon- / Sigma-Krise

Ich habe mir vergangenen November im Zuge einer Amazon-Aktion eine Canon 80D gegönnt. Gegönnt primär deshalb, weil ich meine bis dahin treue und ausreichende Canon 500D auf Lanzarote einem unzulässigen Schwerkrafttest unterzogen habe und Sie mich auch das ein oder andere Mal in schwierigeren Situation einfach hat hängen lassen.
Meine Fotoproduktion hatte ebenfalls exorbitant zugenommen, also durfte ein Upgrade her. Ich war immer happy bei Canon. 20D, 500D, alles lief so wie ich es wollte.
Im Zuge der Kamerabeschaffung habe ich mich dann ebenfalls mit dem aktuellen Linsenmarkt auseinandergesetzt und bin positiv aus allen Wolken gefallen als ich die aktuelle Sigma ART Reihe entdeckt habe.
Speziell das Sigma ART 50mm F1.4 und das Sigma ART 18-35mm f1.8 taten es mir direkt an. Beide sollten bei Offenblende (also maximaler Lichtaufnahme) perfekt scharf sein.
Gedacht, gesagt, gekauft! Lieben Dank in dem Zuge an die super Abwicklung bei Calumet, die sich nicht nur beim Kauf, sondern auch beim späteren Elend extrem positiv gezeigt haben wie Service funktioniert!

Die Sigma ART Objektive

Bei ersten Tests in freier Natur habe ich mich kaum einbekommen vor Freude. Die Farben, die Schärfe, einfach unglaublich! Eine solche Bildqualität kannte ich bisher einfach nicht!
Das musste natürlich auch mit einem Modell getestet werden. Es traf sich gut, dass Elisa unbedingt Ihr Abikleid mal ausführen wollte. Also: ab zum Conti, da der morbide Charme des abbruchreifen Gebäudes und des roten Kleides einen perfekten Kontrast liefern würden.
Wir hatten Glück, goldene Stunde und ein absolute traumhaftes Licht im Gebäude. Und dann fingen die Probleme an… Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten einen Bildausschnitt beim fotografieren zu gestalten:

  1. Man visiert das Motiv mit dem zentralen Fokuspunkt an, hält den Auslöser gedrückt und verzieht dann in die gewünschte Position um für das Bild den Auslöser durchzudrücken. Das ging hier aber leider nicht, da ich mit offener Blende fotografiert habe und auch schon die kleinste Veränderung bei einer Schärfentiefe von wenigen Zentimetern zu einem unscharfen Bild geführt hätte.
  2. Man verändert den Autofokuspunkt nach außen, legt den möglichst stimmig auf Gesicht / Auge und löst aus.

Ich nutzte Möglichkeit 2 und merkte dennoch schon beim sichten, dass die Bilder einfach nicht scharf wurden.
Sowas ist einfach nur fies. So ein Licht bekommt man nicht wieder und dann zickt die Technik. Man verliert automatisch das Modell aus dem Fokus und die Bilder leiden automatisch.
Das Ergebnis des Abends: ca. 600 Fotos und davon waren ganze 10-15 Bilder brauchbar! Ein Desaster! Anbei mal zwei der Bilder die funktioniert haben, damit man versteht warum ich so Tränchen in den Augen habe, bezüglich des massiven Ausschusses.

Fehlersuche

Ich bin mir durchaus nicht zu schade, den Fehler erstmal bei mir zu suchen und ja, bei einigen der Bilder war die Auslösezeit mit 1/60 einfach zu knapp gewählt um scharf zu werden, sowie der leicht erhöhte Ausschuss den man bei offener Blende in Kauf nimmt.
Nichtsdestotrotz inakzeptabel. Also: Händler kontaktiert, Problem geschildert und um Rat gebeten.
Der Händler vermutete erstmal (nicht ganz zu Unrecht), dass das Problem möglicherweise hinter der Kamera stand. Damit wird er vermutlich auch in vielen Fällen recht behalten, allerdings stellten wir, nachdem ich ihm zwölf RAW-Dateien aus der Kamera zur Verfügung stellte, beim Nachbau der Situation fest, dass ich richtig lag. Das Sigma ART 18-35mm und auch das 50mm „redeten“ nicht korrekt mit der Canon 80D. Die Linsen ignorierten schlicht die außenliegenden Autofokuspunkte.

Sigma-Support

Die Sigma ART sind nicht nur für die fantastische Bildqualität, sondern auch für eine massive Serienstreuung mit Front- / und Backfokusproblemen berüchtigt, was Sigma durch ein separat zu erwerbendes Dock korrigierbar macht. Das half mir hier nur leider garnicht.

Nicht gut, aber fragen wir doch mal Sigma direkt und schauen, ob sie nicht irgendwie Kamera und Objektiv aufeinander abstimmen können.
Das Ergebnis? Sigma gab nach ein wenig hin und her zu, dass das Problem bekannt sei. Es läge in Japan zur Lösung und man wüsste noch nicht, wann oder wie es überhaupt gelöst werden könne.
Ein Einschicken der Kamera mit dem Objektiv sei auf jeden Fall sinnlos, da es über herkömmliche Kalibrierung und Firmwareupdates zur Zeit nicht lösbar sei. Stand heute: Ist es nicht.

Lieber Sigma-Hersteller,

Probleme passieren, keiner wirft euch das vor. Vor allem, weil das ja nicht alleine auf eurem Mist gewachsen ist. Bei einer 700 Euro Optik erwarte ich als Verbraucher aber einfach, dass ein Hersteller Kompatibilitätsprobleme offen kommuniziert. Und nicht, dass sie geleugnet (wie im Facebook-Channel) und verschwiegen werden! Das ist ein absolutes Unding!

Damit ging das Sigma ART 50mm 1.4 erstmal postwendend zurück, da es damit völlig untauglich für den Portraiteinsatz wurde.
Das Sigma ART 18-35mm habe ich noch behalten, da ich es auch gern für Landschaft und Natur eingesetzt habe und da „drumherum“ arbeiten konnte. Glücklich war ich damit nicht wirklich.

Die Canon 80D

Die Canon 80D ist eigentlich eine tolle Kamera. Ich liebe die Ergonomie und auch die Bildqualität geht voll in Ordnung. Canon hat meiner subjektiven Meinung nach auch die schönsten Hauttöne bei Menschen im Vergleich. Jetzt könnte man natürlich einfach sagen „böses Sigma Objektiv“, sich eine Canon-Linse kaufen und die Welt ist wieder hübsch bunt. Nur so einfach ist das nicht.

Der eigentliche „Schuldige“ bei der Geschichte ist nämlich Canon.

  1. Canon hat bei der 80D den Autofokus von links nach rechts gedreht und komplett modernisiert. Das ist grundsätzlich lobenswert und er funktioniert auch toll.
  2. Canon hat in dem Zuge natürlich versäumt Drittanbietern wie Tamron, oder eben Sigma diese veränderten Faktoren mitzuteilen. Gut, kann man jetzt vielleicht auch noch verstehen. Warum die Mitbewerber fördern, wenn man doch eigene Optiken verkaufen will.
  3. Nur das ist das Dilemma. Canon hat keine Optiken in dieser Qualität im Programm! Weder das 50mm F1.4, noch das 50mm L F1.2 (was zudem noch erheblich teurer ist), noch das abartig teure 16-35mm F2.8 kommen optisch auch nur in die Region vom Sigma. In letzterem Fall nicht mal bei der Lichtstärke.

Was bringt mir das als Verbraucher? Ganz einfach! Nichts! Ich habe die Wahl die schlechteren und teuren Canon Optiken zu kaufen, oder mir eine Kamera zu suchen die mit den Sigmas korrekt arbeitet.

Liebe Firma Canon,

wenn ich selbst nicht in der Lage bin bei den Optiken fürs hauseigene System bei der Qualität der Mitbewerber mitzuziehen, dann sollte ich doch wenigstens schauen, dass mein Kunde, der eigentlich treu und zufrieden ist, es wenigstens leicht hat, dieses System optimal zu nutzen. Dann bleibt der nämlich Kunde und hätte sich weiter auf eine Canon 6D Mark II, eine Canon 5D Mark IV, oder eine unvergleichlich gute Linse wie das 70-200mm L F2.8 gefreut und das dann auch gekauft.
Wenn ich natürlich wie ein kleines Kind bocke und Innovationen blockiere passiert es allerdings, dass sich zufriedene Kunden wie ich, in Unzufriedene verwandeln und mal bei anderen Müttern schauen, ob die Töchter nicht auch hübsch sind.
Insofern macht es gut und danke für den Fisch!

 

Die Marktsituation

Ich habe dann mal den Markt breit sondiert. Eigentlich war das Ziel im Vollformat weiterzumachen, da das meinen Fotogewohnheiten entgegenkommt.
MicroFourThirds Anbieter wie Olympus schieden relativ schnell aus. Das sind tolle Kameras und sehr kleine Linsensysteme. Ich wollte aber mehr Licht, nicht weniger.
Sony hat fraglos tolle Kameras im Programm. Hier schaffte ich auch als Test die Sony Alpha 6000 als Einsteiger-Systemkamera an und bin nach wie vor begeistert. Gerade mit den Vintagelinsen macht die einfach unglaublich viel Laune und das mit einer Bildqualität die der Canon 80D gleichzieht.
Vollformatkameras wie die A7II, das Lichtmonster A7S sind mit sehr vielen interessanten neuen Fähigkeiten versehen und die Bildqualität ist fraglos super. Hier störte mich aber der Linsenpark. Für die kleine Sony Alpha 6000 ist das Angebot noch seeeehr übersichtlich und auch was die optische Qualität angeht, ausbaufähig. Bei den Vollformatkameras scheint Sony wohl mal mit Leica trinken gewesen zu sein. 1500-3000 Euro für Linsen ist einfach zu heftig für jemanden der das nicht hauptberuflich betreibt, vor allem weil auch hier die optische Qualität nicht an Sigma ART, oder auch Canon L herankommt.
Einen Wechsel zu Nikon habe ich ausgeschlossen, da das einem Wechsel von BMW zu Audi gleichkäme. Nikon verpennt gerade, exakt wie Canon die Marktrends, was die jeweiligen Geschäftsberichte ja auch zeigen.

Wad wirds denn nu? Die Auflösung.

Ist ja gut… ist ein wenig mehr Text geworden und ja, ich ärgere mich über das Thema. 😉

Erstaunlicherweise geht mein Sauererspartes zu Fuji. Fuji ist momentan sehr leise beim Marketing. Im Gegensatz zu Sony ist Youtube auch nicht voll von Fanboys die die Marke hypen (mein fachlicher Glückwunsch an Sony. Da habt ihr alles richtig gemacht!).
Fuji hat aber etwas was alle anderen nicht haben, nämlich den Mix aus:

  1. einer wahnsinnig guten Kamera. Die Fuji XT-2 sieht nicht nur genial aus, sie bedient sich auch genial. Alles schnell erreich- und erfühlbar und es macht einfach nur Spass. Bildschärfe und Rauschverhalten sind überirdisch! Ja, sie hat einen Crop-Faktor, aber damit kann ich bei den Ergebnissen leben!
  2. Und einem fantastischen Objektivpark! Festbrennweiten von 14-90mm Brennweite, mit Lichtstärken von F1.2-F2.0. Alles in sehr guter optischer Qualität und locker 30% kleiner in der Bauweise, als Vollformatlinsen. Fuji hat das System vor allem auf den Cropsensor (Verlängerungsfaktor 1.5x) ausgelegt. Eine zuerst merkwürdig anmutende Optik, wie das 50-140mm F2.8 ergibt plötzlich Sinn, wenn man merkt, dass nach Anwenden des Verlängerungsfaktors da plötzlich annähernd 70-200 mm  (exakt 75-210 mm) erscheinen.

Fuji hat unterm Strich auch noch ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis. Nachdem ich jetzt ein Wochenende die Fuji XT-2 mit dem Fujinon 35mm F1.4 und dem 56mm F1.2 APD auf Herz und Nieren testen durfte, habe ich mein Herz verloren. So sollte sich fotografieren anfühlen. Von rund 600 Bildern bei einem Testshooting mit Elisa, waren ungefähr 590-595 knackscharf und das bei Offenblende. Ich werde zukünftig auch viel mehr schwarzweiss fotografieren, weil „Street“ unglaublich viel Freude mit dem Schwarzweissmodus der Fuji macht.
Schau selbst. Was meinst Du zu den Ergebnissen?  Mit welchem System bist Du zur Zeit glücklich? Schreibs mir gern in die Kommentare! 🙂

  1. Die XT-2 ist wirklich eine fantastische Kamera und haut auch den Vorteil, das sehr viele alte Objektive adaptiert werden können. Schwenken im Moment sehr viele auf Fuji und das kann ich wirklich nachvollziehen.
    Ich selbst bin mit meiner Olympus E-M1II glücklich und habe damit das richtige Werkzeug gefunden. Ich kann Altgläser adaptieren und komme mit dem Crop-Faktor gut zurecht. Ich habe flotte, lichtstarke Zooms, winzige, leichte Festbrennweiten und es gibt ein reichhaltiges Angebot an Objektiven. Etwas das Fuji auch immer weiter ausbaut.
    Letzten Endes stimme ich dir bei einer Sache am meisten zu. Du schreibst im Text nämlich vollkommen richtig, das man das für sich passende System finden muss. Glückwunsch zur Fuji, die Bilder zeigen das du die „Richtige“ gefunden hast. 🙂

    • Sebastian Berger

      Ich liebe sie und geb die auch nicht wieder her! 😀 Die Olympus ist auch eine tolle Cam, gerade durch die flexible Obiwahl. Ich wollte allerdings kein MFT, dafür schiesse ich zuviel Portrait. 🙂
      Und klar! Jeder soll das nutzen was für ihn funktioniert. Ich kenne viele fantastische Bilder die mit Canon, oder Nikon entstanden sind. Ich denke das bei mir irgendwo in der Hardwarekette der Wurm drin war und ich bin eben mit ein paar Dingen die die Herrschaften da so treiben nicht einverstanden. Aber jeder der ein funktionierendes Set hat, braucht keine Bekehrung. =) Ich beziehe das immer nur auf meine Situation.
      Was die Bildqualität angeht muss ich mal ein ernstes Wort mit meinem Kompressionsplugin reden… dafür das das auf „glossy“ eingestellt ist, schauts gerade gruselig aus.

  2. Gute Wahl und Glückwunsch!

  3. Pingback: Fuji X-T2, ein Licht am Ende des Tunnels? - Sebastian Berger Photography

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